Einfach mal Gott vertrauen.

Oh Lord, won’t you buy me…?

Es war Sonntag. Ich fuhr mit dem Auto von Berlin nach Leipzig, als mich am Morgen eine sanfte Müdigkeit überkam. Um die zu übertünchen, schaltete ich das Radio in meinem Kraftfahrzeug ein. Da lief gerade die Live-Übertragung eines Gottesdienstes einer christlichen Kirchengemeinde, irgendwo in Deutschland. „Wir wenden uns mit ganzem Vertrauen und all unserem Leid an dich“, sagte die Pfarrerin. Dann kamen noch zwei, drei Sätze, an die ich mich nicht genau erinnere, dann der Gesang der Gemeinde. Ich schaltete den Apparat wieder aus, in meinem Kopf kreisten die Gedanken.

Wir wollen Gott zu unserem Dienstboten machen. Und wenn er unsere Befehle nicht ausführt, behaupten wir, es gebe ihn nicht.

Wir wenden uns mit ganzem Vertrauen und all unserem Leid an dich? Ich dachte daran, wie mir Natalia, eine Freundin aus Baku (Aserbaidschan), vor einigen Wochen erzählte, wie sie als junge Frau ihre Mutter herausforderte: Die Mutter war russisch-orthodox und pflegte regelmäßig in die Kirche zu gehen. In ihren Gebeten bat sie Gott um diesen und jenen Komfort und darum, sie vor Unheil zu bewahren. „Du hast kein Vertrauen in Gott“, warf ihr ihre Tochter an den Kopf. „Würdest Du ihm trauen, dann wärest du mit dem zufrieden, was er dir gibt, statt ständig um materielle Annehmlichkeiten zu bitten.“

Die Mutter war bestürzt und warf der Tochter vor, sie glaube nicht an Gott. „Ich war ziemlich frech“, gesteht Natalia heute, fast 35 Jahre später. Trotzdem steht sie nach wie vor zu ihren Worten von damals. Sie ist sogar mehr denn je davon überzeugt, dass Gott jedem das gibt, was er braucht, und das, was ihm zusteht. Nicht mehr, nicht weniger. Daher sehe sie keinen Grund, sich an ihn mit dem Wunsch nach irdischen Dingen zu wenden. Vielmehr sollten wir dankbar sein für das, was Gott uns ohnehin zur Verfügung stellt.

Interessanter Gedanke. Was heißt es denn eigentlich, Gott zu vertrauen? Und ist es nicht beachtenswert, ja sogar natürlich, sich vor allem in Situationen, die nahe gehen, an Gott zu wenden? Ich meine, wenn da kein Ausweg mehr zu sein scheint, wenn der Schacht dicht ist, wenn kein Licht mehr scheint im Dunkeln. Spätestens dann erinnern wir uns an ihn, flehen ihn an, bitten und suchen Zuflucht. In der Tat traf ich schon einige Menschen, die nicht gottgläubig sind (so sagen sie zumindest), aber gestehen, in schwierigen Lebenssituationen zu beten.

Manchmal wünschen wir uns, dass sich unser Leben ändert. Doch vielleicht sollen die Lebensumstände uns ändern?

Ist es nicht so, dass wir uns oft nur an Gott wenden, weil wir den einen oder anderen materiellen Wunsch haben? Bitte gib mir das, bitte sorge dich um jenes, bitte mache dieses möglich und so weiter. Und wenn unsere Bedürfnisse nicht erfüllt werden, passiert es leicht, dass wir vom Glauben abfallen – sofern der überhaupt existiert. Wir wollen Gott zu unserem Dienstboten machen. Und wenn er unsere Befehle nicht ausführt, behaupten wir, es gebe ihn nicht.

Nebenbei bemerkt scheint es mir trotzdem vernünftiger zu sein, sich mit seinen weltlichen Wünschen an Gott zu wenden, als darauf zu zählen, dass der Ehepartner, die Großmutter oder der Weihnachtsmann sie erfüllt.

Zufrieden zu sein mit dem, was uns Gott gibt, und weder mehr noch weniger zu verlangen, setzt gewiss eine gehörige Portion Vertrauen voraus. Vertrauen darin, dass Gott genau das für uns arrangiert, was wir brauchen. Und die Demut, genau das zu akzeptieren. Manchmal wünschen wir uns, dass sich unser Leben ändert. Doch vielleicht sollen die Lebensumstände uns ändern? Vielleicht sollen wir aus bestimmten Situationen lernen?

„Vielleicht sollten wir einfach auch mal überlegen, was wir für Gott machen können, was ihn erfreut, statt ständig darüber zu sinnieren, was er für uns alles erledigen könnte“, dachte ich laut und war auch schon in meiner Straße angelangt auf der Suche nach einem Parkplatz. Immerhin haben die Gedanken meine Müdigkeit vertrieben. Und das wegen eines einzigen Satzes im Radio.

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