Weltschmerz

Für eine bessere Welt

Als Kind war ich sehr feinfühlig, oft traurig und manchmal schien es, als trage ich das Leid der ganzen Welt, das mein zartes Herz fast zu zerbersten drohte. Der Weltschmerz brachte mich tiefer und tiefer und schließendlich einen Gedanken hervor, der mich viele Jahre antrieb: Ich wollte die Welt verändern. Nicht mehr und vor allem nicht weniger. Und ich war mir sicher, dass das möglich sei.

Was ich allerdings nicht wusste, war, wie man solch ein exorbitantes Projekt anpackt. Zur Politik fühlte ich mich nie hingezogen, zur Wirtschaft noch viel weniger. Ich war überzeugt, die Welt sei weder durch Fädenzieherei noch Geldschieberei zu ändern. Vielmehr sah ich in beiden ein Grundübel des zunehmenden Verfalls der Menschheit. Und da man Probleme bekanntlich niemals mit derselben Denkweise löst, durch die sie entstanden sind, beschloss ich, Abstand zu halten.

Philosophie und Theologie kamen mir nicht in den Sinn. Beide schienen zu theoretisch, als dass sie irgendetwas bewegen könnten. So war ich fest entschlossen, mich dem Studium der Biochemie hinzugeben, obwohl ich ahnte, dass Wissenschaftler nicht unabhängig forschen, sondern an Wirtschaft und Politik gebunden sind. Doch immerhin sah ich in den Naturwissenschaften Potential, und abgesehen davon faszinierte mich die Welt der Moleküle.

So bemühte ich mich so weit es ging, eine gute Studentin zu sein. Doch schon bald stellte ich fest, dass keiner meiner Studienkollegen meine Motivation teilte. Damit konnte ich zwar leben, aber es bremste ein wenig meinen Enthusiasmus.

Nichtsdestotrotz beendete ich, was ich anfing und arbeitete schließlich in der universitären Forschung. Ich erforschte ein Protein, das wenig Spektakuläres zu bieten hatte, weshalb ich wohl auch der einzige Mensch auf der Welt war, der diesem Molekül jeden Tag mindestens acht Stunden seiner Lebenszeit widmete. Ich fragte mich oft, was ich da treibe. „Du denkst zu viel“, sagte einer meiner Kollegen.

Die Faszination für die molekulare Welt und die Gesetzmäßigkeiten, die hinter allem Geschehen stecken, habe ich nie verloren – die Vorstellung, man könne durch wissenschaftliche Forschung den Lauf der Geschichte zum Guten ändern, allerdings schon. Was mir dennoch geblieben ist, ist der Wunsch, einen kleinen Teil dazu beizutragen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Und im Laufe der Jahre habe ich dabei vor allem eines gelernt: dass man im Grunde nur sich selbst ändern kann – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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